Warum ich immer zu 100% in Aktien investiert bin – oder warum Markt Timing nur in der Theorie funktioniert

Warum ich immer zu 100% in Aktien investiert bin – oder warum Markt Timing nur in der Theorie funktioniert

Februar 21, 2020 0 Von TurtleTom

Vielleicht verfolgst Du ja bereits seit einiger Zeit meine investierbaren wikifolios und hast Dir schon mal die Frage gestellt, warum ich eigentlich immer zu 100% – genauer 99,x% – in den Aktien investiert bin und niemals eine Cash – Position größer als 1% halte ?

Ist das nicht eine sehr riskante Strategie ?

Die Antwort ist ein klares „Nein“ und die Begründung, die ich Dir gleich liefere, hat mit Wahrscheinlichkeiten, etwas Statistik, also kurz und knapp mit Mathematik zu tun und liefert gleichzeitig den Beweis dafür , daß man den Markt nicht dauerhaft durch ständiges Hin- und Her, also Kaufen und Verkaufen schlagen kann.

Doch warum versuchen so viele, die ich kenne, es immer wieder durch Markt „timing“ sich einen Vorteil zu verschaffen und fallen am Ende doch wieder auf die Nase ?

Die Antwort auf diese Frage hat sehr viel mit der menschlichen Emotion zu tun, denn befragt nach ihren Motiven für das Warten auf einen bestimmten Zeitpunkt für den Kauf einer Aktie geben die meisten an, weil sie einen besseren Preis abwarten wollen, sprich einen günstigeren Preis beim Kauf.
Die Angelsachsen bezeichnen dieses Verhalten auch als „buying the dip“.

Und jetzt kommt die Statistik ins Spiel, in dem wir uns einmal anschauen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, daß der Preis einer Aktie in der Zukunft tatsächlich noch einmal unter das aktuelle Niveau fällt.

Der Einfachheit halber betrachte ich dazu den Dow Jones Aktienindex, in dem die führenden 30 US Unternehmen der Marktkapitalisierung nach vertreten sind. Die Frage lautet demnach, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß der Dow Jones Index in der Zukunft noch einmal unter das aktuelle Niveau sinkt.

Dazu habe ich die Daten des Dow Jones seit 1970 bis heute, also über einen Zeitraum von 50 Jahren, ausgewertet, was einen hinlänglich langen Zeitraum für statistisch signifikante Aussagen darstellt. In diesem Zeitraum gab es nicht nur mehrere bedeutende Aktien Crashs, sondern auch lange Zeiträume mit seitlichen Bewegungen der Kurse, ebenso wie Perioden mit stark steigenden Kursen, also alles, was einen Aktienmarkt so ausmacht.

Das Ergebnis gibt den Leuten zunächst Recht, die auf „bessere“ Kurse warten, denn tatsächlich fallen die Kurse zu 95% noch einmal unter das jeweils aktuelle Niveau in der Zukunft zurück !
Umgekehrt ausgedrückt, nur an 5% aller Handelstage sehen die Kurse in Zukunft nie wieder das aktuelle Niveau !

Auf den ersten Blick betrachtet, spricht also alles für das Warten auf einen günstigen Einstieg.

Das ganze habe ich einmal visualisiert in der folgenden Grafik :

Dow Jones seit 1970 ( logarithmische Skala )

Die roten Linien kennzeichnen den jeweils niedrigsten Kurs über eine bestimmte Zeitspanne. Beispiel : Die Kurse im Jahr 1999 wurden noch einmal im Jahr 2009, also 10 Jahre später kurz unterboten. Wer also 1999 Aktien kaufen wollte und auf einen niedrigeren Preis warten wollte ( „buy the dip“ ), musste rund 10 Jahre(!) darauf warten.

Soweit so gut, das Warten auf niedrigere Kurse funktioniert also in 95% aller Fälle, denn die roten Linien verlaufen zu 95% der Zeit waagerecht.

Im Durchschnitt muß der Investor ca. 2 Jahre warten, bevor er dann schließlich die Aktie zum günstigsten Preis kaufen kann, im schlechtesten Fall musste er ganze 10 Jahre warten.

Vor so viel Geduld ziehe ich erst einmal meinen Hut !!!

Aber die alles entscheidende Frage ist doch die, um wieviel Prozent schneidet der geduldige Investor, der immer den günstigsten Preis erwischt besser ab, als der langweilige Investor, der die Aktien zu einem beliebigen Zeitpunkt einfach kauft und liegen lässt ? ( In diesem Fall den ganzen Index ).

Die Mathematik liefert die Antwort, es sind ganze schlappe 22% über den gesamten Zeitraum von 50 Jahren. Das sind pro Jahr gerade einmal homöopathische 0,4% (!).

Und das gilt nur für den absolut unwahrscheinlichen Fall, daß der geduldige Investor, der immer den besten Preis erzielen möchte, auch genau den einen Handelstag erwischt, an dem der Preis in der Zukunft wirklich nicht mehr tiefer sinkt. Wie wahrscheinlich ist das denn ?

Bei gut 10.000 Handelstagen in 50 Jahren geht die Wahrscheinlichkeit gegen Null, mit anderen Worten es ist absoluter Zufall, wenn jemand wirklich einmal den tiefsten Kurs ab Entscheidung zum Kaufen einer Aktie erwischt.

Das schaffen regelmäßig meiner über 30 jährigen Erfahrung nach nur zwei Typen von Investoren, erstens die mit der berühmten aber nie wirklich in Erscheinung tretenden Glaskugel, und zweitens die Lügner.

Für alle anderen, und das dürften fast alle Investoren sein, ist Markt „timing“ schlichtweg nicht möglich und wird es niemals sein, da die Zukunft ungewiss ist und niemand kennt.

Die zweite wichtige Schlussfolgerung aus dieser Tatsache ist die Erkenntnis, daß es keinen Sinn macht, auf bessere Kurse zu „warten“ und dafür immer eine extra Portion „Cash“ zu halten, es ist schlicht und einfach erstens zu unwahrscheinlich, daß wir das tatsächlich schaffen und bringt zweitens höchstens einen winzig kleinen Vorteil von nur 0,4% Zusatzrendite pro Jahr. Mit anderen Worten, es ist zwar rein theoretisch durchaus möglich, aber praktisch kaum zu erreichen.

So, jetzt weißt Du warum ich in meinen wikifolios eigentlich immer zu 100% in Aktien investiert bin und auch in Zukunft bleiben werde.

Viel Erfolg beim Investieren 🙂