Wie berechne ich eigentlich den fairen Wert einer Aktie ?

Wie berechne ich eigentlich den fairen Wert einer Aktie ?

August 17, 2019 2 Von TurtleTom

Die Frage impliziert, daß es einen fairen Wert für Aktien gibt. Doch ist das tatsächlich so ? Wenn dem so wäre, also wenn man für jede Aktie zu jeder Zeit einen von subjektiven Einschätzungen oder Bewertungen unabhängigen, und damit objektiven Wert einer Aktie berechnen könnte,
was würde passieren ?

Das Wissen um die Berechnung des fairen Wertes einer Aktie zu jedem beliebigen Zeitpunkt würde sehr schnell bekannt werden und die Runde machen, alle Investoren hätten damit den gleichen Wert einer Aktie bestimmt und die Aktie würde fortan genau zu diesem Wert gehandelt und würde damit die Börse ad absurdum führen. Wenn alle Investoren eben alle zum gleichen Ergebnis kommen, gibt es keine Kursschwankungen mehr, der Preis für Aktien wäre fest determiniert – einen effizienten Markt vorausgesetzt. Die Börsen könnten dann auch gleich zumachen.

Gibt es überhaupt einen objektiven fairen Wert für Aktien ?

Die kurze Antwort lautet : Nein.

Der faire Wert einer Aktie ist rein subjektiv und von Investor zu Investor verschieden. Wenn die Aktie X für Investor A vielleicht fair bewertet ist, so kommt Investor B vielleicht zum Schluß, daß sie unterbewertet und damit kaufenswert ist, während Investor C mit seiner Berechnungsmethode und Einschätzung zum gegenteiligen Ergebnis kommt, daß Aktie X überbewertet und damit ein klarer Verkauf ist. Wie soll man sich da als kleiner Anleger nur zurecht finden ? Man kann auch Investor durch Analyst ersetzen, aber wer hat nun Recht ? Wieso gibt es so viele verschiedene Analysten Bewertungen für die gleiche Aktie zur gleichen Zeit ?
Weil es eben so etwas wie den fairen Wert einer Aktie nicht gibt.

Doch warum ist das so ?

Dazu muß man wissen, daß es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, so etwas wie den Wert eines Unternehmens, und damit auch den Wert seiner Aktien, zumindest näherungsweise zu berechnen und zu schätzen.
Das Ganze gleicht eher einer Kunst, denn einer Wissenschaft.

Im Folgenden möchte ich Dir deshalb zwei der bekanntesten und am häufigsten verwendeten Methoden zur näherungsweisen Schätzung des subjektiven Wertes einer Aktie vorstellen, und dann erkennst Du unmittelbar, warum es nur subjektive faire Werte für Aktien gibt, aber keine objektiven Werte.

Das „Discounted Cash Flow“ Modell ( kurz DCF )

Dieses Verfahren eignet sich besonders für Unternehmen, die keine Dividenden ausschütten, oder deren Dividenden sehr unregelmäßig und schlecht vorhersehbar sind. Ein typischer Vertreter dieses Unternehmenstyps ist zum Beispiel ALPHABET – die Mutter von GOOGLE,
oder auch VODAFONE.
Wir werden später den subjektiven fairen Wert beider Aktien als Beispiel für die Anwendung des DCF Modells berechnen.

Das DCF Modell zur Bewertung einer Aktie macht sich die Eigenschaft zu Nutze, daß ein Unternehmen ja durch den Verkauf seiner Produkte ( also Waren oder Dienstleistungen ) einen Zahlungsstrom ( Cash Flow ) generiert und wir diesen Zahlungsstrom in einer Zeitreihe über mehrere Jahre im Voraus berechnen ( bzw. schätzen = subjektiv ! ) und dabei auf den heutigen Barwert diskontieren. Als Diskontierungs Zinssatz verwenden wir dabei die von uns erwartete Rendite für das Investment in die Aktie ( subjektiv ! ), mindestens aber die erwartete Rendite für eine Benchmark wie zum Beispiel den S&P 500 Index.

DCF Formel

DPV = Discounted Present Value ( = Barwert heute diskontiert )
FVt = Future Cash Flow im Jahr t
r = Diskontierungs Zinssatz
N = Anzahl der zukünftigen Cash Flows
t = Betrachtungsjahr ( 0=Jahr 1, 1=Jahr 2, usw. )

Die Formel berechnet uns die Summe der zukünftigen Cash Flows eines Unternehmens diskontiert auf den heutigen Barwert für die nächsten N Jahre.

Hier sehen wir auch gleich die Schwierigkeiten, mit denen wir bei Verwendung des DCF Modells fertig werden müssen. Denn die zukünftigen Cash Flows FVt in den Folgejahren können wir nur abschätzen ( = subjektiv ! ). Wächst ein Unternehmen also zum Beispiel 10% pro Jahr, so nehmen wir an, daß es auch in Zukunft um 10% wächst und damit auch der Cash Flow jedes Jahr um diesen Betrag steigt. Du erkennst sofort die große Unsicherheit, die damit verbunden ist. Wie wird das Unternehmen in 10 Jahren dastehen ? Wir wissen es nicht. Wir können nur annehmen und schätzen.

DCF Modell Beispiel 1 : ALPHABET

Die GOOGLE Mutter ALPHABET hat im Jahr 2018 einen Gewinn pro Aktie von ca. 50$ erwirtschaftet und wir nehmen für die nächsten 10 Jahre eine konservative Schätzung von 10% Wachstum vor, obwohl das Wachstum in den letzten Jahren durchweg höher war. Weiterhin nehmen wir ab dem 10. Jahr eine Wachstumsrate beim Gewinn von nur noch 5% an. Als Diskontierungsrate verwenden wir die Benchmark des S&P 500 mit einer jährlichen Rate von realistischen 8%. Dann ergibt sich aus der obigen Formel folgender fairer Wert für den heutigen Aktienkurs :

APLHABET fair DCF value = 2.656 $

Der Kurs von ALPHABET liegt zur Zeit bei etwa 1.200 $, die Aktie ist also nach dem DCF Modell stark unterbewertet und lädt zum Kaufen ein !

DCF Modell Beispiel 2 : VODAFONE

Der Telekomgigant VODAFONE erwirtschaftet zur Zeit keinen Gewinn, wir nehmen den letzten Gewinn aus dem Jahr 2018 von 0,08c, ein Wachstum ist zur Zeit nicht vorhanden, wir schätzen die Wachstumsrate aber positiv mit 2% pro Jahr ab dem 5. Jahr und 1% ab dem 10. Jahr. Als Diskontierungssatz nehmen wir wieder die S&P 500 Rate von 8%.

VODAFONE fair DCF value = 1,07€

Die Kurs von VODAFONE lag zuletzt bei etwa 1,60€, die Aktie ist also nach dem DCF Modell klar zu teuer und damit kein Kauf. Erst bei Kursen unter 1€ würde ich hier über einen Kauf nachdenken. Da die Dividende von VODAFONE ebenfalls sehr unsicher ist, zuletzt wurde sie um gut 40% gekürzt, können wir auch nicht das DDM Modell verwenden. Alles in allem ist eine Investition in VODAFONE zum jetzigen Zeitpunkt extrem unsicher und sollte vermieden werden.

Das „Dividend Discount“ Modell ( kurz DDM )

Dieses Verfahren eignet sich besonders für Unternehmen, die eine regelmäßige und gut vorhersehbare Dividende ausschütten, am besten schon seit vielen Jahren. Ein typischer Vertreter dieses Unternehmenstyps ist zum Beispiel COCA-COLA oder BASF.
Wir werden später den subjektiven fairen Wert beider Aktien als Beispiel für die Anwendung des DDM Modells berechnen.

Das DDM Modell zur Bewertung einer Aktie macht sich die Eigenschaft zu Nutze, daß ein Unternehmen ja durch den Verkauf seiner Produkte ( also Waren oder Dienstleistungen ) einen Zahlungsstrom ( Cash Flow ) generiert und daraus eine Dividende an die Investoren ausschüttet. Als Diskontierungs Zinssatz verwenden wir dabei die von uns erwartete Rendite für das Investment in die Aktie ( subjektiv ! ), bzw. mindestens die erwartete Rendite einer gängigen Benchmark wie den S&P 500 Index.

Mit der folgenden Formel erhalten wir den heutigen Wert aller zukünftigen Dividenden (geschätzt = subjektiv !) eines Unternehmens :

Dn = Dividende im Jahr n
r = Diskontierungsrate
n = Jahr ( 0 = Jahr 1, 1 = Jahr 2, usw. )

Damit haben wir eine Abschätzung für den fairen Wert einer Aktie auf Basis der zu erwartenden Dividenden und können daraus eine Entscheidung über den Kauf oder Verkauf ableiten.

DDM Modell Beispiel 1 : Coca-Cola

Coca-Cola gilt als sehr zuverlässiger Dividendenzahler und hat eine sehr lange Historie, die uns recht gut abschätzen lässt, wie sich das Unternehmen in Zukunft entwickeln wird. Wir nehmen die zuletzt gezahlte Dividende von 1,56 $ aus dem Jahr 2018, rechnen weiterhin mit einem Dividendenwachstum von 8% über die nächsten 10 Jahre und danach mit einem sich auf 5% abflachenden Wachstum der Dividende. Als Diskontierungs Zinssatz nehmen wir wieder den S&P 500 als Benchmark mit 8% Rate.

Coca-Cola fair DDM value = 65 $

Zur Zeit handelt die Aktie von Coca-Cola um die 54 $, woraus sich nach dem DDM Modell eine Unterbewertung ergibt. Die Coca-Cola Aktie ist also weiterhin kaufenswert. Falls es Coca-Cola sogar gelingt, aufgrund neuer Produkte und neuer Absatzmärkte, sowie dem geplanten Einstieg in den Alco-pop Markt das Wachstum der Dividende zu erhöhen, sind noch weitaus höhere Aktienkurse in Sicht. Wir haben hier aber zunächst konservativ geschätzt und trotzdem ist die Aktie ein Investment Wert.

DDM Modell Beispiel 2 : BASF

Die BASF gilt ebenso als ein ziemlich zuverlässiger Dividendenzahler und weist ebenfalls eine lange Historie auf. Die Steigerung der Dividende betrug in den letzten Jahren jeweils 10 cent und wir rechnen auch weiterhin mit einem Dividendenwachstum in dieser Größenordnung, also ca. 3% pro Jahr.
Das zyklische Geschäft der BASF veranlasst uns, konservativ nur die nächsten 5 Jahre von diesem Wachstum auszugehen und danach ein geringeres Wachstum von nur noch 1% zu erwarten.

BASF fair DDM value = 50 €

Zur Zeit handelt die BASF Aktie um die 57 € und ist damit nach dem DDM Modell auf Basis unserer Schätzungen immer noch überbewertet und damit kein Kauf !
Erst bei Kursen unter 50 € würde ich mir eventuell ein Investment in BASF überlegen, und auch nur, wenn sich die Aussichten nicht weiter eintrüben sollten.

Weitere Methoden zur Berechnung eines subjektiven fair value einer Aktie

Es gibt noch weitere Möglichkeiten, eine Annäherung für so etwas wie einen „fair value“ für eine Aktie zu finden. Ich zähle sie hier nur kurz auf, ohne weiter darauf einzugehen, da diese Methoden nicht so oft angewandt werden, im Vergleich zum DCF und DDM Modell.

  1. Substanzwert
  2. Nettoinventarwert
  3. Grahamscher Zahlwert
  4. Gewinnprojektionswert
  5. Graham Dodd Formel

Egal für welches Verfahren wir uns auch entscheiden, es bleibt immer eine Schätzung mit subjektiven Annahmen über die Zukunft, die keiner kennt.

Manche Verfahren projizieren die Vergangenheit einfach weiter in die Zukunft, welche unsicher ist und führen damit auch zu unsicheren Ergebnissen.

In meinen beiden wikifolios verwende ich immer wo es geht, das DDM Modell, da ich der Meinung bin, daß aufgrund der Dividenden, die in der Vergangenheit gezahlt wurden, eine recht verlässliche Schätzung für die Zukunft möglich ist. Wenn ein Unternehmen über die vergangenen 50 Jahre immer eine wachsende Dividende gezahlt hat, ist es sehr wahrscheinlich, daß dies auch in Zukunft so sein wird.

Bei Unternehmen, die keine Dividenden zahlen, verwende ich das DCF Modell, um wenigstens einen Anhaltspunkt für eine Über- oder Unterbewertung gegenüber dem aktuellen Aktienkurs zu bekommen. Natürlich spielen aber daneben auch noch eine ganze Reihe anderer Faktoren eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für oder gegen eine Aktie. So lege ich beispielsweise sehr viel Wert auf die Eigenkapitalrendite.

Hier geht es zu meinen beiden wikifolios :

https://www.wikifolio.com/de/de/w/wf0dgrowth

https://www.wikifolio.com/de/de/w/wf000grdiv

Und nun viel Erfolg beim Investieren ! 🙂